In den 19fünfziger Jahren bahnte sich ein Stilwandel bei der Suche nach den Wurzeln der Menschheit an. Die einzelgängerische Jagd nach den häufig fehlenden Kettengliedern in der menschlichen Ahnenreihe trat zugunsten einer nüchternen, wissenschaftlicheren Erforschung vorzeitlicher Lebensbedingungen zurück. Was für verblüffende Einzelheiten sorgfältig geplante und durchgeführte Grabungen an den Tag bringen können, zeigte schon die großangelegte Suche nach den Überresten des Peking-Menschen vor dem Zweiten Weltkrieg. Eine andere, ähnlich ergiebige Höhle begann der amerikanische Anthropologe Ralph Solecki von 1951 an im irakischen Shanidar, rund 400 Kilometer nördlich von Bagdad, zu erforschen.
In mehreren Grabungskampagnen trieben Solecki und seine Mitarbeiter einen Schacht durch die mehr als 13 Meter mächtigen Ablagerungen am Höhlenboden bis zum gewachsenen Fels vor. Auf dieser Reise in die 100.000 Jahre zurückreichende Geschichte der Shanidar-Bewohner öffnete sich eine Art »Pompeji der Neandertaler« (sie bewohnten die Höhle bis vor etwa 40.000 Jahren).
In knapp fünf Meter Tiefe legte Solecki 1953 ein Baby-Skelett frei. Vier Jahre später fand er die Skelette von drei Erwachsenen. 1960 kamen schließlich die vollständig erhaltenen Knochenreste von drei weiteren Neandertalern zum Vorschein.
Das Skelett Shanidar 1 weist die Spuren einer dramatischen Krankheitsgeschichte auf. Die wohl folgenreichste einer ganzen Reihe schwerer Verletzungen traf die Außenseite der linken Augenhöhle, die dadurch teilweise einbrach und das linke Auge wahrscheinlich erblinden ließ (über die Ursache der Verletzung kann nur spekuliert werden). Trinkaus glaubt, dass dieser Schlag auch das Hirnzentrum, das die rechte Körperhälfte steuert, schädigte. Der linke Arm von Shanidar 1 ist nämlich völlig normal, während der rechte Oberarmknochen verkümmert ist und in eine krankhaft veränderte Spitze ausläuft.
»Entweder wurde der Arm knapp über dem Ellbogen amputiert«, kommentiert Trinkaus, »oder aber er brach am Ellbogen, ohne zu verheilen« - so dass der Unterarm samt Ellbogen abfiel. Shanidar 1 überlebte all diese Verletzungen, wie die verheilten Knochenbrüche zeigen: Eine Genesung, die ohne die ausdauernde Fürsorge seiner Sippschaft kaum möglich gewesen sein dürfte. Der invalide Neandertaler starb schließlich, etwa 40 Jahre alt, als ein Teil der Höhlendecke auf ihn herabstürzte.
Ein andereres der 1960 freigelegten Skelette erregte besondere Aufmerksamkeit: Nicht nur, dass dieser Neandertaler vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren von seinen Angehörigen bestattet worden war - ihm waren offensichtlich auch Blumen ins Grab gelegt worden. Botanische Untersuchungen der erhaltenen Pflanzenreste zeigten, dass der Verstorbene auf hölzernen Zweigen gebettet und mit den Blüten von neun auffällig, zwischen Mai und Anfang Juli blühenden Kräutern geschmückt worden war (von denen sieben heute noch als heilkräftig bekannt sind). »Mit der Entdeckung von Blumen bei Neandertalern«, schrieb Solecki später, »wird uns plötzlich zu Bewußtsein gebracht, dass die Vielseitigkeit der Menschheit und die Vorliebe für das Schöne über die Grenzen unserer eigenen Art hinausreichen.« Obwohl es ein Zufall hätte sein können, spekulierten einige Forscher, dass regionale Neandertaler-Gruppen die Körper ihrer Toten mit Schmuck und Geschenken zierten, die symbolisch wichtig für die gesellschaftliche Gruppe waren. Diese Annahme ist jedoch von Anfang an in Frage gestellt worden. Während es klar ist, dass die Neandertaler ihre Toten beerdigten, wird dennoch debattiert, ob sie ihre Körper mit kulturell bedeutenden Symbolen zierten, und dies wird von einigen Forschern stark bezweifelt.
Die Höhle von Shanidar lieferte nicht nur den ältesten Hinweis auf menschliche Fürsorge, sie gab auch möglicherweise einen der frühesten Fälle von Gewalt von Menschen gegen Menschen preis. Das Skelett mit der Bezeichnung »Shanidar 3« weist nämlich eine teilweise verheilte, durch einen scharfen Gegenstand verursachte Wunde an der neunten Rippe auf. Es wird diskutiert, ob dies ein Jagdunfall war oder der älteste Beweis eines gewaltsamen Todes, verursacht durch einen anderen Menschen. Dies ist noch nicht klar.
Die wahrscheinlichen Folgen dieser Verletzung schildert Erik Trinkaus, damals Mitarbeiter Soleckis, folgendermaßen: »Shanidar 3 erlitt mit einiger Sicherheit einen Kollaps des linken Lungenflügels und starb mehrere Tage oder Wochen später.« Der »saubere Schnitt« in der Rippe macht es nach Meinung des Forschers praktisch unmöglich, dass die Verletzung zufällig zustande kam. Vielmehr vermutet Trinkaus, dass der Neandertaler »von einem rechtshändigen Gegner bei einem Zweikampf in die Seite gestochen wurde«: Wenn dem so ist [...und es sich nicht um einen Jagdunfall handelt], wäre dies quasi das älteste »Kainsmal« der Menschheit.
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